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Erfahrungen einer Mitarbeiterin

Anruf vom Hospizdienst

Von J. Beutel

Ein Stationsarzt des PKR bittet den Hospizdienst um Begleitung für Herrn H. Dieser ist 68 Jahre alt, lebt alleine und hat weder Freunde noch Familie. Herr H. leidet an einem Hirntumor und Leberzirrhose im Endstadium, ist aber noch ansprechbar. Aus den Informationen der Einsatzleitung erfahre ich außerdem, dass wir in derselben Straße wohnen, aber ich kenne den Mann nicht. Um 22 Uhr am Abend trete ich meinen Dienst an. Mir ist bange: wieder ein fremder Mensch; ob es mir gelingen wird, mich ihm zu nähern?

Ich betrete das Krankenzimmer von Herrn H., stelle mich vor und sage ihm, dass wir in derselben Straße wohnen. Ich frage ihn, ob ich bleiben darf und er bejaht meine Frage.

Dunkle, ängstliche Augen aus eingefallenem Gesicht nehmen mich wahr. Im Laufe der Nacht kommen spärliche Worte und Fragen von ihm nach Leben und Sterben und ich höre zu und antworte so gut ich kann. Eine tiefe Trauer kommt mir entgegen. Er schläft manchmal kurz und unruhig ein. Gegen Morgen zieht und zupft er an seinem Hemd. Ich lege ihm die Bettdecke sanft um Hals und Schultern und sage: „Jetzt packe ich Sie ein, wie ich es früher mit meinen Kindern gemacht habe“. Da geht ein Strahlen über sein Gesicht. Er darf sich geborgen fühlen wie ein Kind. Die Nacht geht ruhig zu Ende.

Zwei Tage später komme ich wieder zur Nacht zu Herrn H. Es geht ihm sehr schlecht, er kann nicht mehr reden und atmet sehr schwach und unregelmäßig. Als ich mich zu ihm setze, beschleicht mich das Gefühl, dass dies seine letzte Nacht ist. Ich frage ihn, ob es für ihn stimmt, wenn ich die Nacht bei ihm verbringe und er nickt. Von da an ist mir so, als ob das Leben ganz leise aus seinem Körper ginge. Ich bete leise und lasse Herrn H. spüren, dass ich bei ihm bin. Als dann um 2 Uhr sein Leben vollends erlischt, bin ich sehr dankbar.

Es berührt mich sehr, dass ich gerade in dieser Nacht da bin und er wenigstens im Sterben nicht alleine war. Ich zünde meine Kerze an und lege meine mitgebrachte Rose auf sein Kissen. Schön ist auch, dass der Pfleger gerade da ist und wir noch ein wenig miteinander reden können.